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Wenig Konsum und Exporte - Rezession reißt Staatsetat ins Minus

Berlin (Reuters) - Kaum Konsum, wenig Investitionen und einbrechende Exporte: Die deutsche Wirtschaft ist wegen der Corona-Krise im zweiten Quartal in Rekordtempo geschrumpft - und das quasi an allen Fronten.

Euro currency bills are pictured at the Croatian National Bank in Zagreb, Croatia, May 21, 2019. Picture taken May 21, 2019. REUTERS/Antonio Bronic

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) fiel von April bis Juni um 9,7 Prozent zum Vorquartal und damit allerdings einen Tick weniger als ursprünglich mit 10,1 Prozent gemeldet, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Das ist dennoch der stärkste Rückgang seit Beginn der vierteljährlichen Berechnungen 1970. Mit dem Ende der Lockerungen soll es jetzt ein kräftiges Wachstum geben, aber der Weg zurück zur Normalität ist laut Experten noch weit. “Im laufenden Quartal dürfte nun ein Anstieg folgen, der ebenfalls Rekordcharakter hat”, sagte Sebastian Dullien vom IMK-Institut. “Ich rechne damit, dass das Vorkrisenniveau nicht vor Ende 2021 wieder erreicht wird.”

Die Corona-Rezession reißt zudem ein riesiges Loch in den deutschen Staatshaushalt. Bund, Länder, Kommunen und Sozialversicherung gaben im ersten Halbjahr zusammen 51,6 Milliarden Euro mehr aus als sie einnehmen, wie die Statistiker mitteilten. Das Defizit entspricht 3,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes - es ist das erste Minus für die erste Jahreshälfte seit 2011. Die Steuereinnahmen fielen erstmals seit 2010, und zwar um 3,6 Prozent. Die Ausgaben des Staates erhöhten sich dagegen wegen der Hilfsmaßnahmen zur Bewältigung der Krise bis Jahresmitte um 9,3 Prozent.

Der deutsche Staat dürfte auch im Gesamtjahr tiefrote Zahlen schreiben, nachdem zuvor acht Jahre in Folge ein Überschuss gelungen war. Die Bundesbank rechnet mit einem Defizit von etwa sieben Prozent. “Die Steuereinnahmen brechen weg, während die Ausgaben nicht nur weiterlaufen, sondern teilweise – wie bei der Arbeitslosenversicherung - krisenbedingt stark steigen”, erklärte sie.

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie hatten im Frühjahr weite Teile der Wirtschaft lahmgelegt: Geschäfte, Hotels und Restaurants mussten schließen, Fabriken machten dicht, Messen, Konferenzen und Konzerte wurden abgesagt. “Das zweite Quartal war ein einziges Desaster”, sagte der Chefökonom der Liechtensteiner VP Bank, Thomas Gitzel. “Die Details sehen noch schlimmer aus als der eigentliche Wachstumseinbruch.” Egal ob es sich um die Investitionen, den privaten Konsum, die Exporte oder auch die Importe handele - “alles war im freien Fall.”

“STUNDE DER WAHRHEIT SCHLÄGT IM HERBST UND IM WINTER”

Die Ausgaben der Verbraucher sanken im Frühjahr um 10,9 Prozent, während die Konsumausgaben des Staates im Zuge der Rettungspakete um 1,5 Prozent stiegen. Die Firmen hingegen kappten ihre Investitionen in Ausrüstungen um 19,6 Prozent. Auch der Außenhandel bremste wegen der mauen Weltwirtschaft die Konjunktur. Die deutschen Exporte brachen zum Vorquartal um 20,3 Prozent ein, während die Importe ebenfalls kräftig um 16,0 Prozent fielen.

Vor allem die deutschen exportorientierten Industriebetriebe müssten zunehmend mit Gegenwind rechnen, sagte die Chefvolkswirtin der KfW-Bank, Fritzi Köhler-Geib. “Bei rapide steigenden globalen Corona-Infektionszahlen bleibt die Unsicherheit enorm hoch.” Zusätzlich bremse die wegen der Krise erhöhte Verschuldung die Investitionsfreude von Unternehmen im In- und Ausland. Angesichts wieder steigender Fallzahlen auch in Deutschland müsse man aber auch in bestimmten Dienstleistungsbereichen, wie der Gastronomie oder der Veranstaltungsbranche, “eher mit einer Verschärfung als mit einer Lockerung der bestehenden Einschränkungen rechnen”.

Für das laufende Sommer-Quartal erwarten Ökonomen insgesamt wieder eine deutliche Erholung, die Bundesbank sogar ein “kräftiges Wachstum”. “Mit Blick auf die Zukunft braucht es keinen Raketenwissenschaftler, um vorherzusagen, dass die Wirtschaft im dritten Quartal eines der besten Ergebnisse aller Zeiten erzielen wird”, betonte ING-Analyst Carsten Brzeski. VP-Experte Gitzel orakelte: “Die Stunde der Wahrheit schlägt dann in den Herbst- und Wintermonaten.” Die Reaktivierung der ausgesetzten Insolvenzantragspflicht könne “im Herbst zu einer Pleitewelle führen”. Zudem würden die negativen Folgen des Strukturwandels in der Fahrzeugbranche immer offensichtlicher, wo viele Autozulieferer in Not seien. “Es steht uns also über den Jahreswechsel ein explosiver Mix aus Nachwirkungen der Corona-Pandemie und strukturellen Umbrüchen bevor.”

Die Bundesregierung sagt für 2020 die schwerste Rezession der Nachkriegszeit voraus und erwartet einen Einbruch beim Bruttoinlandsprodukt von 6,3 Prozent.

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