February 20, 2020 / 1:23 PM / 6 months ago

Entsetzen über Tat von Hanau - "Zutiefst rassistische Gesinnung"

- von Anika Ross und Alexander Ratz

Flowers and candles are placed near the Midnight Shisha bar after a shooting in Hanau, near Frankfurt, Germany, February 20, 2020. REUTERS/Ralph Orlowski

Hanau/Berlin (Reuters) - Der rassistisch motivierte Angriff mit neun Toten im hessischen Hanau hat bundesweit Entsetzen und Solidarität für Menschen mit Migrationshintergrund ausgelöst.

Der mutmaßliche Täter, ein 43-jähriger Deutscher, eröffnete in zwei Shisha-Bars das Feuer und wurde später in einem Wohnhaus tot neben der Leiche seiner 72 Jahre alten Mutter aufgefunden. Er hinterließ eine Videobotschaft und ein Bekennerschreiben. Der Generalbundesanwalt übernahm die Ermittlungen und sprach am Donnerstag von einer “zutiefst rassistischen Gesinnung” des Mannes. Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich erschüttert: “Rassismus ist ein Gift, der Hass ist ein Gift, und dieses Gift existiert in unserer Gesellschaft.”

Generalbundesanwalt Peter Frank sagte in Karlsruhe, der mutmaßliche Täter Tobias R. habe auf seiner Homepage neben Videobotschaften auch eine Art Manifest eingestellt. Diese enthielten wirre Gedanken und abstruse Verschwörungstheorien. Insgesamt habe er am Mittwochabend neun Menschen mit Migrationshintergrund getötet und sechs weitere verletzt, einen davon schwer. Die Todesopfer waren 21 bis 44 Jahre alt. Neben der Leiche von Tobias R. in dessen Wohnung lag den Angaben zufolge eine Schusswaffe. Der Vater sei unverletzt angetroffen worden. Die Ermittlungen zielten nun darauf, ob es für die Tat Mitwisser und Unterstützer gebe, sagte Frank. Den Ermittlungsbehörden zufolge soll der mutmaßliche Täter Sportschütze gewesen sein. Vorerkenntnisse über den Mann lagen demnach nicht vor.

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier sprach in Hanau von einem “tiefen Einschnitt”. Zu den Menschen vor allem auch mit Migrationshintergrund sagte er: “Wir sind an Eurer Seite, das gilt für jeden in unserem Land, ganz egal, wo er herkommt und wie er aussieht.” Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky sprach von “den bittersten, traurigsten Stunden, die diese Stadt in Friedenszeiten jemals erlebt hat”. Den traditionell in Hanau gefeierten Fasching sagte Kaminsky ab. Bundesinnenminister Horst Seehofer erklärte am Tatort, er habe Trauerbeflaggung für alle öffentlichen Gebäude in Deutschland angeordnet. Am Abend werde er mit allen Innenministern der Länder darüber beraten, wie die Sicherheit vor allem bei öffentlichen Veranstaltungen in den nächsten Tagen gewährleistet werden könne. Am frühen Abend war in Hanau eine Mahnwache geplant, zu der auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erwartet wurde.

Mit der Tat setzt sich eine Serie derartiger Angriffe in Deutschland fort. Bundeskanzlerin Merkel sagte in Berlin, das Gift von Rassismus und Hass “ist schuld an schon viel zu vielen Verbrechen, von den Untaten des NSU, über den Mord an Walter Lübcke bis zu den Morden von Halle”. Von 2000 bis 2007 ermordete die Neonazi-Gruppe NSU neun Männer türkischer und griechischer Herkunft sowie eine Polizistin. Anfang Juni wurde der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke von einem Mann umgebracht, der als rechtsextrem gilt. Im Oktober griff ein 27-Jähriger in Halle die dortige Synagoge und einen nahe gelegenen Döner-Imbiss an und tötete zwei Menschen. Der Täter selbst bestätigte antisemitische und rechtsextremistische Motive. Vergangene Woche erwirkte die Bundesanwaltschaft zudem Haftbefehle gegen zwölf mutmaßliche Mitglieder und Unterstützer einer rechtsterroristischen Vereinigung. Einige der Männer sollen Anschläge auf Politiker, Asylsuchende und Muslime geplant haben.

“ICH DACHTE, DAS WÄRE EINE SAUBERE STADT”

Bundesfinanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz forderte ein konsequentes Vorgehen gegen rechten Terror. “Zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit sind nun Bürger von Rechtsterroristen ermordet worden”, twitterte der SPD-Politiker. “Wir dürfen nicht zur Tagesordnung übergehen.” Der Grünen-Politiker Cem Özdemir warnte in den Zeitungen der Funke Mediengruppe davor, die Gefahr von Rechts zu verharmlosen. “Nach NSU, Lübcke und Halle reden manche immer noch von Einzeltätern. Damit muss endlich Schluss sein.” Linken-Chefin Katja Kipping sprach im Nachrichtenportal t-online.de “von rassistischem Terror”. FDP-Chef Christian Lindner rief alle Demokraten auf, ein Zeichen gegen Hass, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt zu setzen. AfD-Chef Jörg Meuthen sprach dagegen von der “wahnhaften Tat eines Irren”.

Der türkische Botschafter in Berlin, Ali Kemal Aydin, sagte dem staatlichen türkischen Sender TRT Haber, dass unter den Toten fünf Menschen mit türkischer Staatsbürgerschaft seien. Medienberichten zufolge sollen mehrere Opfer kurdischer Abstammung sein. Die Konföderation der Gemeinschaften Kurdistans in Deutschland prangerte Versäumnisse des Staates an. “Wütend sind wir, weil die politischen Verantwortlichen in diesem Land sich rechten Netzwerken und Rechtsterrorismus nicht entschieden entgegenstellen”, erklärte der Dachverband. Die Rhetorik der AfD und deren Verharmlosung durch Medien und Politiklandschaft “bereiten den Nährboden für den rechten Terror in Deutschland”.

Am Tatort war die Straße Heumarkt im Herzen Hanaus am Donnerstagmorgen weiträumig gesperrt. Die Straße liegt in unmittelbarer Nähe des historischen Marktplatzes mit dem Rathaus und Brüder-Grimm-Denkmal. Die Shisha-Bar “Midnight” wurde von Streifenpolizisten bewacht, Beamte in weißen Overalls von der Spurensicherung waren hier im Einsatz wie auch in der benachbarten Bar “La Votre”. “Das ist unglaublich”, sagte Chokri Kaita, der in einem Fischgeschäft nahe des Tatortes arbeitet. Er habe jetzt Angst, dass so etwas noch mal passiere. “Ich dachte, das wäre eine saubere und sichere Stadt”, sagte der 44-Jährige.

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