February 20, 2020 / 6:32 AM / 6 months ago

Elf Tote in Hanau - Hinweise auf rechtsextremistischen Täter

- von Anika Ross und Paul Carrel und Elke Ahlswede

German special forces prepare to search an area after a shooting in Hanau near Frankfurt, Germany, February 20, 2020. REUTERS/Kai Pfaffenbach

Hanau/Karlsruhe (Reuters) - Bei der Gewalttat im hessischen Hanau mit elf Toten geht die Bundesanwaltschaft von einem rechtsextremistischen Motiv aus.

Sie habe die Ermittlungen übernommen, teilte die Behörde am Donnerstag mit. Erste Erkenntnisse deuteten auf ein fremdenfeindliches Tatmotiv, sagte Hessens Innenminister Peter Beuth. Der Polizei zufolge wurden am Mittwochabend zunächst in zwei Shisha-Bars in Hanau neun Menschen erschossen. Später sei der mutmaßliche Täter von einem Sondereinsatzkommando tot in seiner Wohnung aufgefunden worden. Es handele sich um einen 43-jährigen Deutschen, sagte Beuth. Auch die Leiche der Mutter sei dort gefunden worden. Hinweise auf weitere Täter gebe es nicht. In Hanau herrschte Entsetzen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte eine Reise zu einer Veranstaltung in Halle ab.

Die Bundesregierung äußerte sich erschüttert. Regierungssprecher Steffen Seibert sprach von einem entsetzliches Verbrechen. “Tiefe Anteilnahme gilt den betroffenen Familien, die um ihre Toten trauern”, teilte er auf Twitter mit. “Die Bundeskanzlerin lässt sich fortlaufend über den Stand der Ermittlungen in Hanau unterrichten.”

Auch Außenminister Heiko Maas drückte den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus. “Die schrecklichen Ereignisse in #Hanau schmerzen uns alle”, twitterte der SPD-Politiker. “Nach dieser grausamen Nacht sind unsere Gedanken bei den Toten, ihren Familien und Angehörigen.”

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier äußerte sich tief betroffen. “Dieser heutige Tag ist ein Tag der Trauer, ein Tag des Schreckens.” Innenminister Beuth sagte, die Ermittlungen liefen auf Hochtouren. “Nach unseren jetzigen Erkenntnissen ist ein fremdenfeindliches Motiv durchaus gegeben. Darauf deute etwa eine Homepage hin, aus der sich ein mutmaßlicher rechter Hintergrund ergebe. Der Täter soll legal im Besitz einer Waffe und Sportschütze gewesen sein.

“ICH DACHTE, DAS WÄRE EINE SICHERE STADT”

In Hanau herrschte Fassungslosigkeit. “Das ist unglaublich”, sagte Chokri Kaita, der in einem Fischgeschäft nahe des Tatortes Heumarkt arbeitet. Er habe jetzt Angst, dass so etwas noch mal passiert. “Ich dachte, das wäre eine saubere Stadt, und sicher”, so der 44-Jährige.

“In den letzten Jahren ist es hier immer schlimmer geworden im Viertel”, sagte der 52-jährige Geschäftsmann Gulag Sawari, der seit 15 Jahren unweit des Heumarkts einen Handyladen betreibt. “Viel Streit, zu viele Shisha-Bars. Aber das jetzt hatten wir noch nie, es ist schlimm.”

Auf die Spur des mutmaßlichen Täters kam die Polizei nach eigenen Angaben in der Nacht durch Hinweise von Zeugen auf ein Fluchtfahrzeug. Es sei im Rahmen der Großfahndung im Ortsteil Kesselstadt ermittelt worden. Die dortige Wohnanschrift wurde demnach weiträumig abgesperrt und durch Spezialkräfte der Polizei durchsucht.

Der “Bild”-Zeitung hinterließ der mutmaßliche Täter ein Bekennerschreiben mit rechtsextremen Ansichten. In seinem Fahrzeug seien Munition und Magazine gefunden worden, meldete das Blatt unter Berufung auf Polizeikreise. “Focus” berichtete, der mutmaßliche Täter habe nach Informationen aus Sicherheitskreisen wenige Tage vor der Tat ein Video bei Youtube veröffentlicht. In dem Clip spricht der Mann in fließendem Englisch von einer “persönlichen Botschaft an alle Amerikaner”. In den USA existierten unterirdische Militäreinrichtungen, in denen Kinder misshandelt und getötet würden. Dort würde auch dem Teufel gehuldigt. Amerikanische Staatsbürger sollten aufwachen und gegen diese Zustände “jetzt kämpfen”. Ein Hinweis auf eine bevorstehende eigene Gewalttat in Deutschland ist in dem Video nicht enthalten.

SPURENSICHERUNG UND KRANKENWAGEN AN ABGESPERRTEM TATORT

Am Donnerstagmorgen stehen vor der Shisha-Bar “Midnight” in Hanau fünf Streifenpolizisten, Beamte in weißen Overalls von der Spurensicherung laufen hinein und hinaus. Direkt neben der Shisha-Bar ist die kleine Bar “La Votre”. Auch dort ist die Spurensicherung im Einsatz. Vor der Bar ist auf dem Bürgersteig eine kreisrunde Markierung zu sehen. Ein Krankenwagen steht hinter der Absperrung. Feuerwehrleute haben einen kleinen Hubwagen mit Scheinwerferlicht vor Ort. 

Am Tatort ist die Straße Heumarkt im Herzen Hanaus weiträumig gesperrt. Rot-weißes Flatterband ist zwischen den Laternen gespannt. Die enge Straße mit breiten Bürgersteigen liegt in unmittelbarer Nähe des historischen Marktplatzes mit dem Rathaus und Brüder-Grimm-Denkmal. Bis auf den abgesperrten Bereich läuft der morgendliche Berufsverkehr in Hanau unberührt.

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