June 4, 2017 / 8:31 AM / 2 years ago

Londoner Anschlag rückt Terror vor Wahl in den Fokus

- von Dylan Martinez und William James

Armed police officers walk near Borough Market after an attack left 7 people dead and dozens injured in London, Britain, June 4, 2017. REUTERS/Peter Nicholls

London (Reuters) - Angriffe mutmaßlicher Extremisten haben mitten in London mindestens sieben Menschen das Leben gekostet und Großbritannien wenige Tage vor der Unterhauswahl erschüttert.

Wie die Polizei am Sonntag mitteilte, rasten drei Männer mit einem Kleintransporter auf der zentralen London Bridge in Passanten und stachen dann im nahe gelegenen Touristen- und Vergnügungsviertel Borough Market mit Messern auf weitere Menschen ein. Die Angreifer seien acht Minuten nach dem ersten Notruf am Samstagabend von Polizisten erschossen worden. Zunächst bekannte sich niemand zu dem Anschlag - dem dritten im Vereinigten Königreich in weniger als drei Monaten. Premierministerin Theresa May kündigte im Fernsehen eine härtere Gangart gegen den Terrorismus an. Die Anschläge lösten auch international Bestürzung aus.

Es sei jetzt bestätigt, dass sieben Menschen ums Leben gekommen seien, sagte die Chefin der Londoner Polizei, Cressida Dick. Zunächst war von sechs Toten die Rede. Doch der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan hatte bereits mitgeteilt, dass einige der Dutzenden Verletzten in Lebensgefahr schwebten.

Die Polizei ging am Sonntagmittag davon aus, dass kein Verdächtiger mehr auf der Flucht sei. Die Gegend rund um die Tatorte im Zentrum werde aber noch genau untersucht. Der Sender Sky News berichtete zudem über Polizeieinsätze im Osten Londons.

Die getöteten Angreifer seien noch nicht identifiziert worden, räumte Polizeichefin Dick ein. Innenministerin Amber Rudd erklärte aber im Sender ITV, bei ihnen handele sich wahrscheinlich um “radikale islamistische Terroristen”. Die Ermittlungen zu ihrem Hintergrund liefen. Die Attacke folgt knapp zwei Wochen auf das Selbstmordattentat in Manchester mit 22 Todesopfern und weckt zudem Erinnerungen an einen islamistisch motivierten Anschlag im März. Dabei tötete ein 52-Jähriger auf der Westminister Bridge mit einem Auto zwei Menschen. Anschließend erstach er auf dem Parlamentsgelände einen unbewaffneten Polizisten und wurde schließlich erschossen.

MAY: TERROR DARF DEMOKRATISCHE WAHLEN NICHT STOPPEN

May sagte, die drei jüngsten Anschläge in Großbritannien seien wahrscheinlich nicht direkt miteinander verknüpft. Es gebe aber einen neuen Trend, bei dem Terror noch mehr Terror hervorrufe. Man dürfe deshalb nicht länger vorgeben, alles könne so weitergehen wie bisher, betonte May vor ihrem Amtsitz, wo die Flaggen auf Halbmast wehten. “Genug ist genug”, sagte sie. Notwendig sei eine klare Verurteilung der Ideologie hinter der Gewalt, neue Gesetze zur Internetkontrolle, ausreichende Befugnisse der Sicherheitskräfte im Kampf gegen den Terrorismus und gegebenenfalls höhere Strafen auch für kleinere Verbrechen. May rief die Briten dazu auf, als Gesellschaft geschlossen dem Extremismus den Kampf anzusagen.

Die Regierungschefin erklärte weiter, die Unterhauswahlen würden wie geplant am Donnerstag stattfinden. Der von ihren eigenen Konservativen sowie der oppositionellen Labour-Partei unterbrochene Wahlkampf werde schon morgen wieder aufgenommen. Es könne nicht zugelassen werden, dass Gewalt den demokratischen Prozess aufhalte.

BEHÖRDEN ÜBER TWITTER: “LAUFT UND VERSTECKT EUCH”

Auch Stunden nach der Attacke war der Bereich im Herzen der britischen Hauptstadt noch abgesperrt und wurde von bewaffneten Beamten überwacht. Bahnhöfe blieben geschlossen, keine Züge hielten. Polizeichefin Dick rief die Bevölkerung auf, Ruhe zu bewahren. Während der Angriffe hatten die Behörden die Bürger über Twitter aufgefordert, zu fliehen, sich zu verstecken und die Polizei zu alarmieren, wenn sie in Gefahr gerieten.

Ein Taxifahrer sagte der BBC, der weiße Kleintransporter habe auf der London Bridge zahlreiche Passanten umgefahren. “Dann sind drei Männer mit langen Messern ausgestiegen.” Sie hätten wahllos auf Menschen eingestochen. Augenzeugen zufolge suchten viele Menschen Schutz in den umliegenden Bars. BBC Radio berichtete, dass die Menschen mit Tischen und Stühlen nach den Angreifern geworfen hätten, um sich zu schützen.

IS RIEF ANHÄNGER ZU ATTACKEN GEGEN “KREUZRITTER” AUF

Die Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) hatte am Samstag seine Anhänger aufgerufen, während des derzeit laufenden muslimischen Fastenmonats Ramadan mit Lastwagen, Messern und Waffen gegen “Kreuzritter” vorzugehen. In den vergangenen Jahren gab es ähnliche Anschläge in Paris, Nizza, Berlin und Brüssel.

Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich bestürzt und bekundete Solidarität mit Großbritannien. “Wir sind heute über alle Grenzen hinweg im Entsetzen und der Trauer vereint, aber genauso in der Entschiedenheit”, erklärte Merkel. Deutschland stehe im Kampf gegen jede Form von Terrorismus fest und entschlossen an der Seite Großbritanniens.

Ob unter den Opfern Deutsche sind, war am Sonntagmittag noch offen. Aus dem Auswärtigen Amt verlautete, es gebe dafür keine Hinweise, aber auch keine Gewissheit. Das Auswärtige Amt riet London-Reisenden, umsichtig zu sein und den Anweisungen der Sicherheitskräfte unbedingt Folge zu leisten.

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