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Corona-Zahlen schießen über 10.000 - RKI sieht "sehr ernste" Lage

Berlin (Reuters) - In Deutschland ist die tägliche Zahl der Corona-Neuinfektionen erstmals in der Pandemie über die Schwelle von 10.000 geschnellt.

Lothar Wieler, head of Robert Koch Institute, Germany's federal government agency and research institute responsible for disease control and prevention, speaks at a news conference on the coronavirus and COVID-19 in Berlin, Germany October 22, 2020. Germany's disease control centre is reporting a new daily record increase in coronavirus infections, which rocketed past the 10,000 mark for the first time as the pandemic continues to spread. Markus Schreiber/Pool via REUTERS

Damit liegt der Anstieg zwar immer noch unter dem Niveau vieler EU-Nachbarstaaten, in denen sich das Virus sehr schnell ausbreitet. Der Chef des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, warnte am Donnerstag aber, dass sich Corona in einigen Gebieten in Deutschland mittlerweile unkontrolliert ausbreiten könne, weil eine Nachverfolgung von Infektionsketten nicht mehr vollständig möglich sei. “Inzwischen ist die Situation insgesamt sehr ernst geworden”, sagte er in Berlin. Es sei aber noch möglich, eine Entwicklung wie etwa in den Niederlanden abzuwenden. Bundesfinanzminister Olaf Scholz warnte im Reuters-Gespräch davor, mit immer neuen Vorschlägen zur Eindämmung der Pandemie die Akzeptanz der Beschlüsse von Bund und Ländern zu untergraben.

Das RKI hatte am Donnerstag gemeldet, dass in Deutschland innerhalb eines Tages 11.287 Menschen positiv auf das neuartige Virus getestet wurden. Der bisherige Höchstwert lag bei 7830, am Mittwoch waren es noch 7595 gewesen. Die Zahl der gemeldeten Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus erhöht sich um 30 auf 9905. In etlichen EU-Staaten wie Polen oder Österreich stieg die Zahl der Neuinfektionen ebenfalls auf neue Höchstwerte. Gemessen an den Bevölkerungszahlen ist die Lage dort bedrohlicher als in Deutschland. In Belgien, den Niederlanden und Tschechien stoßen die Gesundheitssysteme bereits an ihre Grenzen.

Das RKI erklärte aufgrund der steigenden Neuinfektionen ganz Österreich bis auf Kärnten zum Risikogebiet. Dasselbe gilt für die Schweiz, Irland, Polen und jetzt auch weite Teile von Italien. Am Mittwoch war mit Gesundheitsminister Jens Spahn erstmals ein Bundesminister positiv auf das Virus getestet worden. Nach Angaben eines Sprecher geht es Spahn, der sich in häuslicher Quarantäne befindet, bis auf Erkältungssymptome gut. Wo sich der Minister trotz Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln infiziert habe, sei noch unklar, hieß es im Gesundheitsministerium.

SCHOLZ-KRITIK AN “WENIG AUSGEGORENEN VORSCHLÄGEN”

Die hohen Zahlen verschärften die Debatte über neue Einschränkungen. “Es ist nicht klug, täglich neue, wenig ausgegorene Vorschläge zu machen, die oft eher der eigenen Profilierung dienen als dazu, die Pandemie wirksam einzudämmen”, sagte SPD-Kanzlerkandidat Scholz der Nachrichtenagentur Reuters. Zuletzt hatte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder einen neuen Schwellenwert von 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen vorgeschlagen. Ab dann sollten auf lokaler Ebene noch strengere Maßnahmen wie etwa eine auf 21.00 Uhr vorgezogene Sperrstunde greifen. Auch im Bundesgesundheitsministerium stieß der Vorschlag auf Widerstand. Es gebe bereits Orientierungsmarken, wichtiger sei eine entschiedene lokale Reaktion auf einen Corona-Ausbruch, hieß es im Ministerium.

RKI-Chef Wieler verwies darauf, dass sich derzeit zwar weiter vor allem Jüngere ansteckten, weshalb bisher weniger schwere Krankheitsverläufe zu verzeichnen seien. Aber die Zahl der älteren Infizierten, der Schwerkranken und Patienten auf Intensivstationen wachse auch in Deutschland immer weiter. “Wir haben den Werkzeugkasten, und damit können wir das schaffen”, mahnte der RKI-Chef mit Blick auf die Hygiene- und Abstandsregeln, die Maskenpflicht sowie die Corona-Warn-App zur Eindämmung der Pandemie. Von der Politik forderte er “verbindliche Einheitlichkeit” bei den Corona-Regeln, um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu wahren. Daneben seien Kontrollen wichtig, ob die Regeln auch eingehalten würden.

WIELER: HERDENIMMUNITÄT GESCHEITERT

Als vorrangigen Ort für Infektionen nannte der RKI-Präsident vor allem den privaten Bereich. Dagegen stelle man eine geringe Ausbreitung in Verkehrsmitteln oder in Hotels fest. Eine Änderung der Corona-Strategie lehnt Wieler ebenso wie Bayerns Ministerpräsident Söder ab. Es müsse an der möglichst umfassenden Nachverfolgung von Infektionsfällen festgehalten werden, auch wenn dies nicht mehr immer möglich sei. Es sei zudem unmöglich, Ältere vom öffentlichen Leben fernzuhalten, sagte Wieler. Er rechne damit, dass 2021 in Deutschland Corona-Impfstoffe zugelassen würde. Es sei aber unklar, wann genau dies sein könne.

Nach der Erkrankung Spahns ließen sich in der Bundesregierung einige Minister auf Corona testen. Innenminister Horst Seehofer habe vorsorglich zwei Tests gemacht, die negativ ausgefallen seien, sagte sein Sprecher. Im Bundestag, der kommende Woche wieder tagt, wurden die Fraktionsmitarbeiter wieder aufgefordert, von zuhause aus zu arbeiten. Das geht aus einem Reuters vorliegenden Brief von Fraktionsdirektor Jörg Semmler an die Mitarbeiter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion vom Mittwochabend hervor. Zuvor habe es entsprechende Absprachen zwischen den Fraktionen gegeben, wegen der steigenden Corona-Zahlen wieder aus dem Homeoffice zu arbeiten, hieß es in Koalitionskreisen.

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